Aschaffenburg - Blick auf Main und Pompejanum

So funktionieren Sprintzertifikate


Grundlagen und Funktionsweise

Bei einem Sprintzertifikat nimmt der Anleger bei Fälligkeit des Zertifikats oberhalb eines Startwerts überproportional an Kurssteigerungen (aber auch an Kursrückgängen) des Underlyings bis zu einer Obergrenze (Cap) teil. Bei Kursveränderungen unterhalb des Startwerts verhält sich der Wert des Sprintzertifikats wie das Underlying.

Da ein Sprintzertifikat rechtlich gesehen eine Schuldverschreibung der emittierenden Bank darstellt, besteht ein Totalverlust-Risiko, wenn der Emittent insolvent wird (Emittentenrisiko). Dieser Fall trat beispielsweise bei der Pleite der Lehman-Bank ein.


Produktstruktur/Konditionen

Das Sprintzertifikat ist ein strukturiertes Produkt und in der einfachen Form die Kombination aus 3 Bausteinen:

1. dem Kauf des Underlyings
2. dem Kauf einer europäischen Kaufoption (long Call) mit niedrigerem Basispreis (Startwert) für die überproportionale Teilnahme an Kurssteigerungen; bei Kurssteigerungen ab diesem Basispreis ist die Option im Geld und gewinnt 1:1 mit dem Underlying an Wert (bei einer Partizipation von 200%: ein Call, bei 300 % müssen zwei Calls gekauft werden).
3. dem Verkauf von Kaufoptionen (short Call) mit höherem Basispreis für die Deckelung (= Kompensation der Kurssteigerung von Underlying und gekauften Calls). Die Anzahl der verkauften Calls richtet sich nach der Anzahl der gekauften Calls plus 1 zur Kompensation des Underlyings;  d.h. bei einem gekauften Call müssen zwei Calls verkauft werden.

Der Käufer einer Kaufoption hat das Recht, das Underlying am Laufzeitende zu einem vorher bestimmten Preis (Basispreis) zu kaufen. Damit profitiert er von Kurssteigerungen.

Der Verkäufer (Stillhalter) der Kaufoptionen muss das Underlying liefern, wenn der Käufer die Option ausübt. Bei Kurssteigerungen macht er einen Verlust. Dieser wird aber durch die Kurssteigerung des Underlyings und der gekauften Calls kompensiert.

Wir gehen im Folgenden von einer Partizipation von 200 % aus, d.h. der Anleger erhält den Startwert plus die doppelte Kurssteigerung bis zum Cap. Für die Konstruktion bedeutet das einen gekauften und zwei verkaufte Calls.

Gegenüber einer Direktinvestition verzichtet der Käufer eines Zertifikats auf die Dividende, sodass diese bei der Preisberechnung in abgezinster Form abgezogen wird. Der Emittent bildet dies mit einen sogenannten Zero-Strike-Call auf das Underlying nach. Der Name dieser Option geht zurück auf den Basispreis (Strike) in Höhe von 0 Euro. Der Kurs der Option verhält sich annähernd wie der Kurs des Underlying, da die Option ja immer im Geld ist. Da sie aber keinen Dividendenanspruch hat, ist im Kurs die abgezinste Dividende implizit enthalten.
Damit entspricht der Wert der Option dem Wert des Underlying abzüglich der abgezinsten Dividende.

Mit dem Dividendenabschlag und dem Verkauf der Call-Optionen wird der Kauf der Call-Option finanziert. Da der Preis der verkauften Option wegen des höheren Basispreises niedriger ist als der Preis der gekauften Call-Option mit dem niedrigeren Basispreis, hängt es von der Höhe der Dividende ab, ob das Sprintzertifikat teurer ist als das Underlying.
In der Regel wird der Startwert (Basispreis des gekauften Calls) am Geld liegend gewählt, sodass der Anleger bereits von Beginn an bei Kurssteigerungen überproportional profitiert.

Weitere Informationen zu Optionen finden Sie unter »So funktionieren Optionen.

Vereinfacht dargestellt ergibt sich der Wert des Sprintzertifikats auf eine Aktie damit aus:

Kurs Sprintzertifikat = Kurs Aktie \[Minus] abgezinste Dividende + Optionsprämie gekaufter Call - Optionsprämien verkaufte Calls

Die Bandbreite des Sprintzertifikats wird von den Basispreisen der Call-Optionen bestimmt:
- Ab dem Basispreis des gekauften Calls nimmt der Anleger überproportional an Kurssteigerungen teil.
- Der Basispreis der verkauften Calls gibt die Obergrenze für die Auszahlung vor.

Da der Wert der Optionen während der Laufzeit von Veränderungen von Basiskurs, Laufzeit und Volatilität bestimmt wird (die Optionen haben einen Zeitwert und einen inneren Wert), wirkt sich dies auch auf den Wert des Sprintzertifikats aus. Das wird weiter unten bei der Bewertung vor der Fälligkeit mit einer interaktiven Grafik anschaulich dargestellt.


Anwendung

Sprintzrtifikate sind besonders attraktiv in Aufwärtsphasen (leicht bis stark steigend), da der Anleger überproportional an den Kurssteigerungen beteiligt wird. Hohe Dividendenrenditen ermöglichen ebenfalls einen günstigen Preis für Sprintzertifikate. Anleger sollten sich aber bewusst sein, dass Kursrückgänge des Underlyings oberhalb des niedrigeren Basiswerts ebenfalls überproportional auf den Wert des Sprintzertifikats durchschlagen. Erst unterhalb des niedrigeren Basiswerts entsprechen die Kursrückgänge 1:1 denen des Underlyings.

Analyse

Aus der Produktstruktur ergibt sich der Wert des Sprintzertifikats während und am Ende der Laufzeit.

Am Ende der Laufzeit (Restlaufzeit = 0) spielen Volatilität, Zinssatz und Dividende für die Optionen keine Rolle mehr, ganz im Gegensatz zu einem Bewertungszeitpunkt während der Laufzeit. Die Optionen haben nur noch den inneren Wert. Damit ist das Payoff- und entsprechend auch das Profit/Loss-Profil ein Spezialfall der Bewertung.

Bewertung bei Fälligkeit: Payoff-Profil


Der Payoff gibt den Auszahlungsbetrag am Laufzeitende an:

a) Liegt der Kurs des Underlyings oberhalb des Basispreises des gekauften Calls, erhält der Anleger den Basispreis plus die doppelte Kurssteigerung, maximal bis zur Obergrenze;
b ) Liegt der Kurs des Underlyings darunter, wird der Kurs des Underlyings ausgezahlt.


Bewertung bei Fälligkeit: Profit/Loss-Profil


Der Gewinn/Verlust bei Fälligkeit ist die Differenz zwischen dem Auszahlungsbetrag und dem Kaufpreis (Optionsprämie Zero-Strike Call+ Optionsprämie gekaufter Call - Optionsprämien verkaufte Calls) für das Sprintzertifikat. Der Gewinn ist durch den Cap begrenzt.



Bewertung vor Fälligkeit

Bislang hatten wir die (einfache) Sicht per Fälligkeit: wie verhält sich der Wert des Sprintzertifikats aber während der Laufzeit? Dazu müssen die Bestandteile des Sprintzertifikats einzelnen bewertet und danach addiert werden:

1. Der Wert des Underlyings ist der aktuelle Kurs.
2. Die Dividendenrendite wird als Quotient gerechnet: Dividende/aktueller Kurs des Underlyings.
3. Die Optionen werden mit Hilfe eines Modells (Black Scholes) bewertet (tiefer gehende Einblicke in die Welt der Optionsbewertung finden Sie unter So funktionieren Optionen).

Durch Ziehen der Schieber wird der unterschiedliche Einfluss der verschiedenen Parameter auf den Kurs des Sprintzertifikats - hier am Beispiel eines Aktien-Underlyings - deutlich:

- Kurssteigerungen des Underlyings erhöhen den Preis des Sprintzertifikats.
- Höhere Dividendenzahlungen vermindern den Wert des Sprintzertifikats.
- Längere Laufzeiten erhöhen den Wert der Call-Optionen: den Wert der Option mit höherem Basispreis stärker als den mit niedrigerem Basispreis und verbilligen damit das Sprintzertifikat.
- Höhere Volatilitäten erhöhen den Wert der Call-Optionen: den Wert der Option mit höherem Basispreis stärker als den mit niedrigerem Basispreis und verbilligen damit das Sprintzertifikat.
- Der Einfluss des Zinssatzes ist relativ gering.
- Bei Fälligkeit (Restlaufzeit = 0) sind Dividende, Volatilität und risikofreier Zins Null.



Hinweise zur Berechnung

Der an der Börse gehandelte Kurs des Sprintzertifikats wird in der Regel von diesem theoretischen Kurs mehr oder weniger abweichen, da die Emittenten möglicherweise Gebühren/Marge aufschlagen, das Emittentenrisiko einpreisen oder anders rechnen (andere Modelle, andere Parameter). Der theoretische Kurs gibt aber einen guten Vergleichswert. Die Anwendung der Optionspreisformel setzt u.a. einen vollkommenen, arbitragefreien Markt voraus (tiefer gehende Informationen zur Optionspreisberechnung finden Sie unter So funktionieren Optionen). Da dies in der Realität nur annäherungsweise gegeben ist, kann nur ein theoretischer Wert errechnet werden, der nicht mit dem tatsächlichen, an der Börse gehandelten, Kurs übereinstimmen muss. Er gibt aber einen guten Anhaltspunkt für den Wert eines Sprintzertifikats.

Erläuterungen + Interpretation
theoretischer Kurs Sprintzertifikat = Kurs Underlying - abgezinste Dividende + gekaufte Call-Option - verkaufte Call-Optionen;
Abstand zum Cap = (Cap - Kurs Underlying) -> wenn der Kurs des Underlying bis zur Fälligkeit um diesen Wert steigt, erhält der Anleger die maximale Auszahlung;
Abstand zum Cap in % = (Cap - Kurs Underlying)/Kurs Underlying -> wenn der Kurs des Underlying bis zur Fälligkeit um diesen Prozentsatz steigt, erhält der Anleger die maximale Auszahlung;
max. Auszahlung = Startwert + 2* (Cap - Startwert) =2*Cap - Startwert -> dieser Betrag wird maximal ausgezahlt, wenn der Kurs des Underlying bei Fälligkeit über dem Cap liegt;
max. Rendite = ( max. Auszahlung - theoretischer Wert]/theoretischer Wert des Zertifikats -> das ist die Rendite, die beim Kauf des Sprintzertifikats zum theoretischen Wert erzielt werden kann, wenn der Kurs des Underlyings bei Fälligkeit über dem Cap liegt;
max. Rendite p.a. = max. Rendite auf ein Jahr berechnet
maximaler Verlust = Totalausfall = Kaufpreis = theoretischer Wert des Zertifikats -> wenn der Wert des Underlyings bei Fälligkeit Null ist oder der Emittent ausfällt

Hinweise zur Bedienung der interaktiven Anwendung
Wenn Sie mit der Maus über die Grafik fahren, wird die Bezeichnung der Linien angezeigt. Durch Ziehen der Schieber können die angezeigten Parameter verändert werden. Beim Anklicken des "+"-Symbols öffnet sich eine Menüleiste für den Schieber,
- bei der Werte konkret eingegeben werden können (mit einem Punkt statt Komma),
- die Animation abläuft (Play),
- die Animation in Schritten vorwärts und rückwärts bewegt werden kann,
- die Animation beschleunigt oder verlangsamt,
- und deren Richtung eingestellt werden kann.

--------------------------------------------------
Dieser Zertifikate-Rechner dient zur Visualisierung von Einflussfaktoren auf die Preisbildung eines Sprintzertifikats und stellt keine Anlageempfehlung dar. Obwohl dieses Tool mit größter Sorgfalt erstellt wurde, kann für die aufgeführten Inhalte keine Gewährleistung für die Vollständigkeit, Richtigkeit und Genauigkeit übernommen werden.
©2013  Dr. Siegert & Partner
Literaturhinweise:
Zagst, R./Huber, M.:
Zertifikate spielend beherr­schen,
München 2009

Pilz, G.:
Zertifikate,
München 2006

Schmidt, M.:
Derivative Finanzinstrumen­te,
3. Aufl.,  München 2006

Download

So funktionieren Sprintzertifikate
als cdf-Datei (80 KB)

Zum Öffnen der Datei benötigen Sie den Wolfram cdf-Player, den sie hierWolfram cdf-Playerkostenlos herunterladen können.