Aschaffenburg - Schönbusch - Dörfchen
Vermögensbildung - Wunsch und Wirklichkeit   

Mit dem kürzlich veröffentlichten »Vermögensbarometer 2013 zeigt der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) - beruhend auf einer jährlichen Umfrage unter 2.000 Personen - Erwartungen und Verhalten der Deutschen in Bezug auf Vermögensanlage und Altersvorsorge auf. So wird in Zeiten niedriger Zinsen der Kauf von Immobilien - sei es zur Eigen- oder Fremdnutzung - gegenüber der Anlage in Wertpapieren bei weitem bevorzugt.

Die Grafik zeigt die Produkte, die die Befragten am geeignetesten für die Vermögensplanung/den Vermögensaufbau halten.

geeignete Produkte für Vermögensplanung und -aufbau

Andererseits legen die Anleger hohen Wert auf Sicherheit, Verfügbarkeit und Flexibilität, wie folgende Grafik zeigt:

Wichtige Aspekte bei der Vermögensplanung

Hier klafft ein Widerspruch, der sich möglicherweise durch eine mangelhafte Kenntnis von Finanzanlagen und/oder fehlendes Risikobewusstsein erklären lässt:

Der Wert einer (meist) kreditfinanzierten Immobilie ist nicht per se sicher. Er mag vielleicht nicht so stark schwanken wie ein Aktienkurs, kann aber im Zeitablauf z.B. durch politische Entscheidungen (Lärmbelastung durch Verkehrsführung, Infrastrukturmaßnahmen, Bevölkerungsentwicklung, Mietpreisbremse etc.) auch sinken. Die geplatzten Immobilienblasen in USA und Spanien haben zu erheblichen Wertminderungen geführt und die Bundesbank warnt bereits vor einer Blase in Deutschland.

Eine Immobilie ist, wie der Name schon sagt, immobil - unbeweglich, und kann nicht von heute auf morgen verkauft werden. Auch die Kreditfinanzierung ist eine längerfristige Bindung - beides kein Kennzeichen von Flexibilität und Verfügbarkeit der Anlagemittel. Gleiches trifft auch auf die beiden Anlagen "Lebensversicherung" und "Rentenversicherung" zu. Auch in diesen Anlagen sind die Mittel langfristig gebunden, können nicht einfach verkauft werden und das Ergebnis ist aufgrund des langen Zeitraums zwischen Ansparen und Auszahlung unsicher. Geldpolitik (Niedrigzinsphase) und andere politische Entscheidungen (Versteuerung, demografische Anpassungen) sind nicht vorhersehbar und haben einen großen Einfluss.

Zudem wird bei der Anlage in Immobilien ein großer Betrag in eine Anlage investiert und trägt somit ein Klumpenrisiko, während bei einer Anlage in Wertpapieren eine Diversifizierung und damit Risikominderung möglich ist.

Als Gründe gegen die Anlage in Aktien, Investmentfonds und Zertifikaten werden angeführt, sie seien spekulativ und zu komplex.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang „spekulativ“? Im Duden findet man die Definition „auf Mutmaßungen beruhend“. Allerdings trifft diese Definition auf jede Anlage zu, da eine Investition in die Zukunft gerichtet, daher mit Unsicherheit behaftet ist und damit auf Erwartungen über die Zukunft beruht. Hierzu ein kurzer Vergleich:

  • Anleger in Aktien beteiligen sich an einem Unternehmen, d.h. stellen diesem Finanzmittel zur Verfügung in der Erwartung, dafür am Gewinn in Form von Dividenden und Kurssteigerungen zu profitieren, gehen aber das Risiko ein, am Verlust in Form von Kursverlusten beteiligt zu werden.
  • Auch Anleger in Anleihen stellen ihr Geld einem Unternehmen oder anderen Institutionen (z.B. Staaten) zur Verfügung in der Erwartung, als Kompensation eine Verzinsung und am Ende ihren Anlagebetrag zurück zu erhalten. Ihr Risiko besteht darin, dass der Schuldner insolvent wird und Zinsen und Tilgung nicht mehr leistet.
  • Aktien- und Renteninvestmentfonds und -ETFs bündeln die Beteiligung an mehreren Unternehmen, erwirken damit eine Risikostreuung, basieren aber auf den gleichen Erwartungen und Risiken wie bei Aktien und Renten.
  • Ein Zertifikat ist eine Schuldverschreibung des Emittenten, deren Wert von einem zugrundeliegenden Basiswert (Aktie, Index, etc.) und einer oder mehrerer Optionen darauf abhängt. Beim Kauf eines Zertifikats stellt der Anleger der Bank also Finanzierungsmittel zur Verfügung. Er erwartet, dass sich der Wert des zugrundeliegenden Basiswert in die erwartete Richtung entwickelt. Das Risiko besteht darin, das die Entwicklung in die falsche Richtung geht und/oder der Emittent insolvent werden könnte.
  • Eine Option ist das Recht, einen Basiswert an einem bestimmten Zeitpunkt zu einem bestimmten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Ein Anleger in Kaufoptionen erwartet einen steigenden Kurs des Basiswert, der Verkäufer einen fallenden. Das Risiko ist auf den Kaufpreis der Option beschränkt. Optionen werden an Börsen gehandelt - ihr Wert ist transparent und ständig nachvollziehbar.
  • Anleger in Tages- oder Festgeld stellen ihre Anlagemittel der Bank zur Verfügung in der Erwartung, dass diese Zinsen zahlt und über das Geld jederzeit bzw. bei Fälligkeit verfügt werden kann. Das Risiko besteht darin, dass die Bank Insolvenz anmeldet bzw. - wie in Zypern geschehen - der Staat die jederzeitige Verfügbarkeit verhindern kann. In der aktuellen Niedrigzinsphase wird allerdings der Vermögenszuwachs durch Zinsen von der Inflation aufgefressen.
  • Der Käufer einer eigen-/fremdgenutzten Immobilie erwartet, dass der Wert nicht stärker sinkt als die (eingesparte) Miete plus Abschreibung und dass er seine Finanzierungsraten zahlen kann.
  • Bei Abschluss einer Lebens- oder Rentenversicherung erwartet der Anleger, dass die zugesagten Leistungen zu einem oft weit in der Zukunft liegenden Zeitpunkt oder -raum erbracht werden. Im Gegenzug verpflichtet er sich, seine Beiträge - oft über Jahre hinweg - zu leisten. Das Risiko besteht darin, dass die Leistungszusagen wegen des langen Zeitraums zwischen Abschluss und Erfüllung mit Unsicherheit behaftet sind, der Anleger möglicherweise seine Beiträge nicht mehr aufbringen kann und damit nicht die volle Zusage erhält.

Wertpapiere werden auf Märkten (Börsen) gehandelt und damit ist ihr Wert jederzeit einfach und transparent feststellbar. Wenn ein Finanzprodukt als komplex bezeichnet werden kann, dann gilt dies insbesondere für Lebens- und Rentenversicherungen und Bausparverträge aufgrund ihrer komplizierten versicherungsmathematischen Berechnungen und der möglichen Beteiligung an Überschüssen.

Was ist nun der Grund für die verzerrte Wahrnehmung, die sich in der Umfrage zeigt? Der Kolumnist Christoph Bruns macht in seinem Beitrag "»Der Anlegerschutz ist gescheitert" im Handelsblatt vom 31.10.13 die mangelnde Finanzbildung ("Finanzmarkt Analphabetismus") dafür verantwortlich. Er plädiert dafür, die Anleger nicht durch Gesetze quasi nachträglich zu schützen, sondern in der Schule und anderen Bildungseinrichtungen für eine finanzielle Allgemeinbildung zu sorgen. Die Kenntnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge würde auch zu einem besseren Verständnis von Risiko und Ertrag, damit zu einer besseren Risikoeinstellung und Vermögensanlage führen.

»Hier leisten wir unseren Beitrag zur finanziellen Allgemeinbildung.