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Referenzpreise kritisch hinterfragt

Als Folge des LIBOR-Skandals hat das Handelsblatt eine Reihe von Artikeln veröffentlicht, die die problematische Preisbildung für diesen Referenzzinssatz und andere Referenzpreise (Ölpreis, Kreditderivate, Edelmetalle, Aktienindex Dow Jones) beschreiben.

Danach war nicht nur der LIBOR manipulierbar. Auch die Verfahren zur Feststellung von anderen Referenzpreisen hängen von der Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit der z. T. freiwilligen Datenlieferanten ab.

Beim LIBOR wie beim EURIBOR melden eine festgelegte Anzahl von Banken Zinssätze für verschiedene Währungen und Laufzeiten, zu denen sie Geld aufnehmen könnten an eine Stelle (Thomson Reuters), die nach Streichung von besten und schlechtesten Werten einen Durchschnittszinssatz errechnet. Da diese Zinssätze nicht nur auf tatsächlichen Geschäften beruhen, fällt eine Manipulation nicht gleich auf.

Beim Ölpreis kommt schon auf Herstellerebene durch das OPEC-Kartell kein Marktpreis zustande.  Die Händler, die ihre Marge draufschlagen, melden die Preise an Agenturen, die die Referenzpreise für die Produkte (Rohöl, Benzin, Diesel etc.) berechnen. Die zuständige Aufsicht (Internationale Vereinigung der Wertpapieraufsichtsbehörden, IOSCO) befürchtet deshalb ebenso Manipulationen durch die Lieferung falscher Daten wie bei der LIBOR-Berechnung.

Auch die Berechnung der Prämien für Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) steht in der Kritik. Der größte Anbieter Markit bekommt die Daten von Banken, die er selbst als "Market Maker" ausgewählt hat. Es wird nicht konkret angegeben, welche Banken aus einem Pool für welche Schuldner die Daten liefern. Auch deren Daten-Input lässt sich nicht am Markt nachprüfen.

Das Goldpreis-Fixing folgt seit 1919 einem Ritual. Ausgehen vom Spotpreis wird in einem Verfahren zwischen den Goldhändlern von 5 Banken ( Barclays, Bank of Nova Scotia, HSBC, Deutsche Bank, Société Générale) interaktiv mit deren Kunden ein Preis ermittelt, bei dem Angebot und Nachfrage sich ausgleichen. Ähnliches gilt für des Silberfixing. Für die beteiligten Banken ist das Verfahren transparent, für alle anderen nicht.

Noch weniger transparent und aussagekräftig ist der Dow Jones Industrial Average als Referenz für die Wirtschaft der USA. Der ehemalige Herausgeber des Wall Street Journal hat ihn Ende des 19. Jahrhunderts aus den Werten der damals 12 größten Unternehmen erstellt.  Auch heute noch entscheidet der Herausgeber des Wall Street Journals über die Aufnahme in den Index. Obwohl es Anpassungen gab, ist er heute nicht mehr repräsentativ, mangels Alternativen wird er aber weiterhin benutzt.

In einer »Tabelle haben wir die Referenzpreise und Verfahren zur Preisfeststellung zusammengestellt.


[Quelle: Handelsblatt vom 14.8.2012]